Ein Abend in neongrünen Westen

Um unsere Spendenpartner besser kennenzulernen, gingen wir vor ein paar Wochen zum ersten Mal mit den Helping Hands auf Rundgang. Als wir ankamen, waren Nicole, Helmut, Tascha, Achim und noch drei weitere ehrenamtliche Helfer gerade dabei, drei Bollerwagen mit Eintopf, großen Thermoskannen mit Tee und Kaffee, Brot und Brötchen, Decken, Isomatten und einigen Hygieneartikeln vollzupacken. Frisches Obst und Trinkpäckchen gab es auch.

An unserer ersten Station auf dem Bahnhofsvorplatz wurden wir schon erwartet. Wir verteilten die ersten Suppen, Brote und Heißgetränke und waren sehr überrascht von dem Mix der Gäste. Da war eine hübsche, junge Frau, die sehr scheu nach einer zweiten Portion fragte. Ein Herr mittleren Alters, der neue Batterien für seine Taschenlampe brauchte, und eine ältere Dame, die offensichtlich sehr froh war, endlich jemanden zum Reden zu haben. Niemand sah aus wie der offensichtliche „Penner“. Es war irritierend, all diese netten, freundlichen Leute zu sehen und zu wissen, dass sie alle kein festes Zuhause haben. Es ist leicht, das Unglück des versoffenen Junkies zu übersehen, nach dem Motto „Was muss er auch so viel saufen.“ Aber einer zierlichen Frau im ähnlichen Alter gegenüberzustehen und zu wissen, dass sie in der Nacht alleine auf der Straße bleiben wird, macht Obdachlosigkeit irgendwie ziemlich real. So real, dass wir uns dachten „Okay, reicht. Wir wollen nach Hause. Das passt nicht in unser heiles Weltbild.“




Aber wir gingen natürlich nicht nach Hause, sondern zogen weiter die Hohe Straße hoch. Gingen auf Leute zu, boten ihnen eine warme Mahlzeit an und fragten sie, ob sie vielleicht noch warme Socken und einen Schlafsack bräuchten. „Die sollen auch mal aus ihrer Bettelhaltung raus. Deswegen gehen wir auch immer hin und fragen, ob sie etwas haben wollen.“, erklärte uns Helmut. Währenddessen unterhielt sich die Gruppe gut gelaunt. Man diskutierte über die neuesten Schmuckkollektionen in den Schaufenstern und tauschte sich über Neuigkeiten aus. Es war ein merkwürdiges Gefühl, zwischen Luxusboutiquen und bummelnden Passanten Obdachlosen Kaffee mit „bitte extra viel Zucker“ auszuteilen (was ihre Form von Luxus ist) und dabei über durchgelatschte Schuhe und löchrige Schlafsäcke zu sprechen.

Während des Gehens blieb Zeit, sich mit den Mitgliedern zu unterhalten. Ein Mitglied, das in seinem „richtigen“ Job mit schwer erziehbaren Jugendlichen zusammenarbeitet, erstaunte uns. Uns machten die letzten Minuten schon ziemlich zu schaffen. Wie hält man es aus, sich quasi pausenlos mit dem Unglück anderer Menschen zu beschäftigen? „Das Leben der Leute ist teilweise echt scheiße. Das seh ich schon.“, erklärte sie uns. „Aber es ist halt einfach ihr Leben. Mitleid hilft ihnen nicht. Unsere Arbeit hier hilft. Ich nehme die Tatsachen an und gucke, wie ich sie verbessern kann, statt mich unnötigerweise damit zu beschäftigen, wie es faktisch eigentlich sein sollte.“ Wir zogen weiter die Schildergasse hoch, versorgten an die 30 Menschen mit Essen und zwei Hunde mit Streicheleinheiten, bis wir schließlich zu einem alten Mann kamen, der auf einem Stuhl in einem hell erleuchteten Eingang saß. Unsere Gruppe begrüßte ihn und der blinde Mann begann zu lächeln, nachdem er uns bemerkt hatte. Wir versorgten ihn ebenfalls mit warmem Essen, plauderten eine Weile mit ihm und zogen schließlich weiter. Die eben noch fröhlich plaudernde Gruppe wurde für einen kurzen Moment ernst. „Das so etwas in Deutschland möglich ist …“, schimpfte eine Freiwillige leise. „Der Herr gehört zur Bettelmafia und wird hier morgens hingesetzt, abends wieder abgeholt. 7 Tage die Woche. Ist wirklich eine Schweinerei, von seinen Leuten wird er gerade mal so am Leben gehalten.“, erklärt uns Helmut den Unmut seiner Kollegin.



Nach gut 2 Stunden legten wir eine kurze Pause ein, die wir mit einem Obdachlosen verbrachten, den die Gruppe gut zu kennen schien. Gemeinsam mit ihm aßen wir nun auch jeder eine Portion des heißen Eintopfs und unterhielten uns mit ihm über die Bücher, die er momentan las. Es war wie ein kleines nettes Abendessen unter Freunden. Anschließend machten wir uns auf zu unserer letzten Station des Abends und verteilten noch etwa 1,5 Stunden lang das restliche Essen am Breslauer Platz.

Nach fast 4 Stunden waren wir fertig. Nicht nur mit der Tour, sondern wirklich fix und fertig. Zu Hause angekommen war es ein sehr, sehr schönes Gefühl, auf dem warmen Sofa in den eigenen, geschützten vier Wänden zu sitzen. Die Helping Hands hatten recht. Du nimmst nach so einer Tour deine eigenen Probleme und deinen Lebensstandard ganz anders wahr. Das warme Bett ist nach Stunden in der Kälte der pure Luxus und der Markenpulli, den du vorher unbedingt für viel zu viel Geld kaufen wolltest, plötzlich doch nicht mehr so interessant. Es ist nicht verkehrt, sich schöne Dinge zu leisten, wenn man es kann. Aber es ist auch schön, mal wieder zu merken, dass man mit einem schönen Zuhause, netten Freunden und einem festen Platz in der Gesellschaft schon sehr viel mehr Luxus genießt, als so mancher andere. Es war sicher nicht unsere letzte Tour mit euch.

Wir bedanken uns herzlich bei „Helping Hands Cologne e.V.“. Ihr zieht Woche für Woche los und beschäftigt euch mit denen, die wir nur allzu gerne übersehen. Es war sehr schön, so viel Freundlichkeit, Gleichmut und Herzlichkeit in eurer Runde zu erleben.

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